Metaphern und Sprache
Wir haben ... festgestellt, dass die Metapher unser Alltagsleben durchdringt, und zwar nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln. Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch.2 George Lakoff, Mark Johnson; Leben in Metaphern; Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung; Heidelberg; 1998; S. 11
Die Betrachtung von Metaphern als bloße Sprachphänomene ist überholt.
Gerade das Internet stellt hohe Anforderungen an das
Abstraktionsvermögen der Benutzer. Es ist fast selbstverständlich, dass
sich die Entwickler und Webdesigner Metaphern aus der realen Welt
ausborgen, um Sachverhalte zu erklären. Gemeinsame Basis aller
Überlegungen ist die kognitions-psychologische Erkenntnis, die hinter
dem Metaphernkonzept steht: Neue Dinge (neues Wissen) lassen sich
leichter und schneller lernen und erinnern, wenn Anknüpfungspunkte zu
Bekanntem (Altwissen) bestehen. In der Textverarbeitung und anderen
Bereichen der Bürokommunikation bietet sich z.B. die Bürowelt als solch
ein Anknüpfungspunkt an. Deshalb gestaltet man den Bildschirm als
Schreibtischoberfläche, realisiert Textverarbeitungsfunktionen in
Analogie zur gewohnten Schreibmaschine und bezieht bei Funktionen, die
über die herkömmliche Schreibtisch- und Schreibmaschinenarbeit
hinausgehen (z.B. Ablage), das gesamte Büro als Vorbild für die
elektronische Darstellung mit ein (Sinnbilder für Schränke, Ordner,
Papierkorb usw.)3 Jürgen Krause; Visualisierung und grafische Benutzeroberflächen,
Informationszentrum für Sozialwissenschaften; Bonn; 1996; S. 9 Das grundlegende Merkmal einer Metapher ist die
Übertragung der Bedeutung eines Wortes oder eines anderen Objektes.
Metapher leitet sich aus dem griechischen metaphora4 Hans Glück (Hrsg.), Metzler Lexikon Sprache; J.B. Metzlersche
Verlagsbuchhandlung; Stuttgart; 2000 ab, was soviel
heißt wie das Weg- und Anderswohin tragen. In der antiken Rhetorik
wurden Metaphern als Umschreibungen verwendet, um direkte Benennung zu
vermeiden. Die Verwendung von Metaphern setzt eine Ähnlichkeit zwischen
Ersetzung und Ersetztem (Wort) voraus. Metaphern können
substantivischer, adjektivischer oder verbaler Form sein. Sie können in
Präpositionen und als einzelne Partikel vorkommen. Einige Metaphern
können für sich allein stehen, meist Substantive wie z.B.
Fuchsschwanz. Oft jedoch ist auch die sprachliche Umgebung wichtig für
die Interpretation der Metapher. Denn nur der Kontext gibt uns bei der
Verwendung von Heide Auskunft, ob wir es mit einem unchristlichen
Menschen zu tun haben oder im Wald stehen.
Im Allgemeinen geht man davon aus, dass Metaphern nicht charakteristisch
für eine Textsorte sind.5 Werner Kallmeyer, u.a.; Lektürekolleg zur Textlinguistik; Athenäum
Verlag; Königsstein; 1974; S. 162 Ein Spannungsfeld bildet der Gegensatz
Metapher – Vergleich. In älteren Ausführungen wird auf folgenden
Sachverhalt verwiesen:
Es wird ja immer gesagt, die Metapher sei im Grunde nur eine Umkleidung dessen, was als Ähnlichkeitsstruktur in der Sache bereits vorhanden ist. 6 Ebd. S. 164
Von dieser Ansicht wird heute meist Abstand genommen. Weinrich7 Vgl. dazu: Werner Kallmeyer, u.a.; Lektürekolleg zur Textlinguistik; Athenäum Verlag; Königsstein; 1974; S. 161ff selbst geht sogar noch einen Schritt weiter mit seiner These, dass Metaphern erst neue Analogien herstellen. Zur Unterscheidung Vergleich- Metapher führt Kallmeyer das folgende Beispiel an:
Der Hinweis etwa auf die in Kuba zu praktizierende öffentliche Selbstkritik, deren Ton an die Erniedrigung der Moskauer Prozesse erinnert, enthält keine Metapher. Einer Metapher bedient man sich hingegen, wenn man das Regime Castros als stalinismo tropical bezeichnet.8 Ebd. S. 164/165.
Bei einer vergleichenden Darstellung werden verschiedene Texte einander gegenüber gestellt und Gemeinsamkeiten, auf denen der Vergleich basiert, bestimmt. Bei einer Metapher hingegen diente ein Text nur als Vorlage für einen weiteren. Exakte Übereinstimmungen müssen nicht vorhanden sein. Das Fehlen eines unmittelbaren Zusammenhangs bildet eine Schwierigkeit beim Verstehen von Metaphern. Wie kann man also eine Metapher erkennen? Bei diesem Erkenntnisprozess spielen die Isotopie und die semantische Anschließbarkeit jeweils eine wichtige Rolle. Unter Isotopie versteht man die Wiederkehr von Wörtern ein und desselben Bedeutungs- bzw. Erfahrungsbereiches in einem Text. Semantische Anschließbarkeit bedeutet, dass die Lexeme in Aneinanderreihung einen sinnvollen Zusammenhang ergeben (grün schwimmen dürfte nicht verstanden werden, grün wachsen hingegen schon). Kallmeyer9 Und er borgt diese Termini von Weinrich. Werner Kallmeyer, u.a.; Lektürekolleg zur Textlinguistik; Athenäum Verlag, Königsstein; 1974; S. 165. führt zur Erklärung noch die Begriffe Bildspender und Bildempfänger ein. Der Bildempfänger ist das Lexem oder die Lexemgruppe, die sich referentiell auf eine veranschaulichte Geschichte bezieht. Der Bildspender ist demzufolge die Ursprungsgeschichte. Am Beispiel: Achill ist ein Löwe. Der Terminus Löwe ist der Bildspender, welcher die löwenhaften Eigenschaften auf den Bildempfänger Achill überträgt. Semantische Anschlußregeln können lexikalischen Anschlußregeln widersprechen. Unbelebte Objekte bspw. können wachsen, eine Eigenschaft, die eigentlich nur belebter Materie zukommt (Die Bauwerke wachsen in die Höhe.) Hier fasst die semantische Anschließbarkeit. Aus dem Kontext und Kraft unserer semantischen Kompetenz können wir der Beschreibung den Sachverhalt des Hausbaus zuordnen. Bauwerke können jedoch nicht husten (zumindest solange nicht, bis ein metaphorischer Zusammenhang konstruiert wurde.) Es lassen sich verschiedene Metaphertypen unterscheiden. Eine Gruppe bilden die kreativen Metaphern. Bei ihnen kann man Bildspender und Bildempfänger klar erkennen und unterscheiden. Ein zweiter Typ sind die konventionellen Metaphern. Er brach eine Lanze für sie. Diese Metaphern werden nur noch selten verwendet. Ihre metaphorische Anschaulichkeit basiert auf vergangenen Gegebenheiten. Eine letzte Gruppe bilden die Ex-Metaphern. Sie haben keinen eigentlichen Bildspender und haben auch keine bildliche Funktion. Ein Beispiel dazu aus Kallmeyer: In Deutschland verlangt man beim Gemüsehändler einen Kopf Salat, in Frankreich un pied de salade (einen Fuß Salat). Weder der deutsche noch der französische Gemüsehändler werden mit diesen Wendungen eine Kopf- oder Fußgeschichte assoziieren.10 Kallmeyer; S. 175. Die bisher genannten Phänomene sind jedoch nur ein Teil der Metapherndiskussion. Neben Linguisten beschäftigen sich auch die Sprachphilosophen und - in letzter Zeit auch zunehmend Informatiker, oder genauer Softwareentwickler und Webdesigner mit den Metaphern. Wirth11 Dr. Thomas Wirth unter http://www.komdesign.de. findet im Webdesign-Bereich drei Metapherntypen. Visuelle Analogien beruhen auf gleichem oder ähnlichem Aussehen. Ein Musik-Wiedergabe-Programm wird auf dem Bildschirm wie eine Stereoanlage dargestellt. Der Nutzer findet sich intuitiv zurecht, wenn er schon vorher eine reale Stereoanlage bedienen konnte. Eine funktionelle Analogie bezieht sich auf die Funktionsweise einer Anwendung. So kann man den Papierkorb auf der (Desktop-) Schreibtischoberfläche mit vielen Dingen füllen, die im realen Leben so nicht zu entsorgen wären (ganze Schränke). Die Funktion jedoch bleibt erhalten, der Anwender weiß: Was immer da hinein kommt wird entsorgt. Die letzte Analogie ist die strukturelle Analogie. Diese spiegelt dann in etwa den Aufbau einer Firma oder einer herkömmlichen Zeitschrift wieder. Jeder Abteilung oder Rubrik ist auch ein Abschnitt auf der Webseite zugeordnet.
George Lakoff und Mark Johnson beschreiben in ihrem Buch Leben in Metaphern Konzepte des täglichen Metapherngebrauchs, des Eindringens der Metaphern in unser Leben und ihrer unbewussten Verwendung. Schon am Ende des ersten Kapitels steht fest: Unsere bisher wichtigste Aussage ist die, dass die Metapher nicht nur eine Frage der Sprache ist, also von Worten allein. Wir werden sogar beweisen, dass die menschlichen Denkprozesse weitgehend metaphorisch ablaufen.12 Lakoff; S. 14 Wie soll man sich nun den erweiterten Metaphernbegriff vorstellen und wie läßt sich das Denken in Metaphern beschreiben?
Lakoff und Johnson betrachten Metaphern als
Konzepte unseres Lebens13 Ebd.; S. 7. Und Grundvoraussetzung all ihrer
Überlegungen ist die Wiederspiegelung dieser Konzepte in unserer
Sprache. Unser tägliches Handeln wird von Gesetzmäßigkeiten bestimmt,
die wir mit Hilfe von Metaphern gefunden oder gebildet haben. Und für
diese ist Arbeit besonders wichtig, dass Metaphern beim Begreifen von
Abläufen des Alltags helfen.
Zeit ist Geld – eine häufig gebrauchte Redewendung. Das Konzept,
welches dahinter steht, läßt sich wie folgt beschreiben: Zeit ist ein
kostbares Gut. Sie ist begrenzt. Sie vergeuden meine Zeit. Diese
Erfindung wird Ihnen Zeit sparen. Die Zeit wird knapp. Dies sind
Redewendungen aus unserem täglichen Gebrauch. Es gibt einen Stundenlohn,
Gebühren pro Zeiteinheit und vieles mehr. Dieser enge Zusammenhang
zwischen Zeit und Geld entstand erst in der modernen
Industriegesellschaft. Als sich die (freie) Zeit verknappte, wurde man
sich ihrer als wertvoller Ressource bewusst. Verbindungen zu anderen
knappen und wertvollen Dingen wurden gebildet. Eben dem Geld als dem
wahrscheinlich bekanntesten aller wertvollen und auch oft knappen Dinge.
Und viele mit dem Geld verbundene Redewendungen wurden ebenfalls auf die
Zeit angewandt. Wir können nun Zeit wie Geld vergeuden oder investieren.
Unsere Alltagserfahrungen bestätigen die Richtigkeit diese Konzepts. Und
wir können manchmal feststellen: Der stiehlt mir bloß meine Zeit. In
unserer Vorstellung entstand ein ganz neues Konzept von Zeit. Eines,
welches die Zeit als ein vorrangig wertvolles Gut ansieht.
Kontext-Übernahme ist ein grundsätzlicher Baustein in der
Metapherntheorie.
Metaphorische Konzepte werden aufgrund von erkennbaren Übereinstimmungen
gebildet. Eine große Gruppe der Metaphern bilden die
Orientierungs-Metaphern. Glücklich sein ist oben. Traurig sein ist
unten. Beispiele für diese Metaphern: Ich fühle mich heute obenauf. Die
Stimmung steigt. Und im Gegensatz dazu: Die Stimmung ist auf dem
Nullpunkt. Ich bin ganz niedergeschlagen. Eine grundsätzliche Erfahrung
steht Pate für diese Metapher. Unser aufrechter Gang ermöglicht uns
erfolgreiches Handeln, Übersicht und eine Art Gleichstellung gegenüber
anderen Menschen. Helden stehen immer wieder auf. Im Gegensatz dazu
stehen Erfahrungen, die wir aus der niederen Position machen. Kranke
liegen in ihren Betten auf ‘halber’ Höhe. Nach einer körperlichen
Auseinandersetzung gilt der als besiegt, der sich am Boden befindet. Und
nicht zuletzt endet unser Leben sozusagen mit einem Negativrekord an
Bodennähe. Von gleicher Art ist die Metapher schlafen ist unten, Wach
sein ist oben. Man sinkt in tiefen Schlaf oder fällt ins Koma. Morgens
steht man auf oder man wacht auf. In dieses Schema reihen sich noch
weitere Metaphern, an denen man erkennen kann, wie wichtig die
Orientierungs-Metaphern sind (Beispiele: Gesund sein und Leben sind
oben, Krankheit und Tod sind unten. Kontrolle und Machtausübung sind
oben, Kontrolliert werden und Fremdbestimmt sein sind unten.) Auch
Adjektive wie mehr oder weniger haben einen Bezug zur
Orientierungs-Metapher. Mehr ist oben und weniger ist unten. Die Zahl
der produzierten PKWs steigt. Mein Einkommen ist im letzten Jahr
gestiegen. Und im Gegensatz dazu: Mein Einkommen ist gesunken oder
auch: Der Verbrauch ist gesunken. Die physikalische Entsprechung dazu:
Wenn man ein Gefäß füllt, dann steigt der Inhalt im Gefäß an. Oder
analog dazu das Aufschichten von festen Objekten. Orientierungsmetaphern
bestehen auch in horizontaler Richtung. Die Zukunft liegt vor uns. Nach
den uns vertrauten Gegebenheiten sehen wir die Dinge, die in unserem
Blickfeld liegen. Wir können uns auf sie zu bewegen. Beispiel im
Sprachgebrauch: Was hast du vor? Lakoff und
Johnson ziehen daraus folgende Schlüsse: Die meisten
unserer grundlegenden Konzepte sind raumorientiert. Es existiert eine
innere Systematik der Raum-Metaphern. Einige Metaphern (Glücklich sein
ist oben) erklären eher ein zusammenhängendes System. Alle
Raum-Metaphern sind Teil eines organisierten Systems. Die Metaphern
werden aufgrund von physischen oder kulturellen Erfahrungen gebildet. Es
ist uns z. B. möglich, die folgenden drei Sätze richtig zu verstehen.
Harry ist in der Küche. Harry ist in der Herrenhuter Brüdergemeinde.
Harry ist in Rage. Die zum Verstehen notwendigen Erfahrungen (räumlich,
sozial, emotional) sind gleichrangig. Ein gewisses Primat genießen die
physischen Erfahrungen. Es gibt jedoch auch rein intellektuelle
Konzepte, die auf Metaphern basieren. Das Wort hoch in dem Begriff
Hochenergieteilchen basiert auf der Metapher ‘Mehr ist oben’.14 Ebd.; S. 27.
Eine genaue Basis der physischen und kulturellen Wurzeln zu finden ist
jedoch sehr schwer. Gerade die Wertvorstellungen in verschiedenen
Kulturkreisen können zu erheblichen Problemen beim Verstehen von
Metaphern führen. Um diesem Problem zu begegnen, werden den Metaphern
Prioritäten zugeordnet. In unserem Falle steht die Metapher Mehr ist
oben vor Gut ist oben. Leicht zu sehen am Beispielen wie: die Inflation
steigt oder die Kriminalitätsrate steigt. Diese Wertungen werden vom
einzelnen Kulturkreis festgelegt. Lakoff und Johnson führen einen
Autokauf als zwiespältige Situation an. „Es gibt in Amerika Subkulturen,
in denen man sich für das teure Auto entscheidet und um die Zukunft
keine Sorgen macht, und es gibt andere Subkulturen, in denen man der
Zukunft Priorität einräumt und das billigere Auto kauft”.15 Ebd.; S. 32. Metaphern
können (sogar je nach Zeitgeist) für die eine oder andere Entscheidung
gefunden werden. Zeitgeist und Subkulturen benutzen sogar Metaphern, die
in einem direkten Widerspruch zueinander stehen. Mehr ist besser wird
bei den Trappisten-Mönchen ins Gegenteil verkehrt. Für sie ist es besser
und tugendhafter wenig zu besitzen. Abschließend kann für die
Raum-Metaphern verallgemeinert werden, dass die Beziehungen oben-unten,
innen-außen, zentral-peripher, aktiv-passiv existieren, aber kulturell
unterschiedlich belegt sind.
Eine zweite große Gruppe von Metaphern bilden die ontologischen Metaphern. Von eindeutig abgegrenzten Dingen bilden wir metaphorische Verbindungen zu unscharf abgegrenzten Dingen unserer Umwelt. Grundlage für diese Übertragungen sind unsere Erfahrungen mit dem physisch fassbaren Dingen. Die Inflation wird so zu einem fest umrissenen Gegenstand, sie nimmt Gestalt an. Wir müssen die Inflation bekämpfen. Die Inflation schlägt an der Kasse im Supermarkt zu. Die Inflation macht mich verrückt. Die ontologischen Metaphern werden benutzt, um bestimmte Aspekte eines Sachverhalts sichtbar zu machen. Es wird viel Geduld brauchen, dieses Buch fertig zu stellen. Geduld wird zu einer mengenmäßig messbaren Entität. Bezugnahmen wie: Wir arbeiten auf den Frieden hin können dargestellt werden. Es geht dabei darum ein konkretes Ziel zu erfassen. Man kann Aspekte und Ursachen identifizieren16 Lt. Lakoff; S. 36/37., sich Ziele setzen und sich zu Handlungen motivieren. Die ontologischen Metaphern konstruieren Entitäten. Genau dieser Punkt wird sehr wichtig für die weitere Untersuchung im Bereich der Computer-Fachsprache. Wie im Vorwort erwähnt, ist ein Großteil der Computertechnik und der damit verbundenen Abläufe nicht physisch erfahrbar: „Wir benutzen ontologische Metaphern, um Ereignisse, Handlungen, Tätigkeiten und Zustände verstehen zu können. Ereignisse und Handlungen werden metaphorisch als Objekte konzeptualisiert, Tätigkeiten als Substanzen und Zustände als Gefäße.”17 Lakoff; S. 41 Wir sind also darauf angewiesen, ontologische Metaphern zu benutzen, um die Computer zu beschreiben. Um den menschlichen Geist zu beschreiben, sind einige ontologische Metaphern gebildet worden, die eine mögliche Art der Verbindung beschreiben (allerdings in umgekehrter Richtung). Die Grund-Metapher lautet: Der menschliche Geist ist eine Maschine. Uns rauchen die Köpfe. Meine Denkmaschine will heute nicht in Fahrt kommen. Welche Konzepte könnten dahinter stehen? Seit dem 19. Jahrhundert drängen sich zunehmend komplexe und leistungsfähige Maschinen in unser Leben. Die Sprache wird technischer und sie greift auch auf diejenigen Lebensbereiche über, die eigentlich nichts mit Maschinen oder Arbeit zu tun haben. In unserer Gesellschaft zählen Eigenschaften wie: Rationalität, Leistungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Präzision. Diese Eigenschaften sind u.a. kennzeichnend für Maschinen. Und um uns und unserer Umwelt zu zeigen, wie leistungsfähig wir sind, wählen wir diese Maschinen-Metapher (alles läuft wie geschmiert). Die Metapher kann noch weiterentwickelt werden.Nicht nur unser Geist ist eine Maschine, sondern auch unser Körper. Tätigkeiten werden automatisiert und wir funktionieren auf Knopfdruck, arbeiten (ohne Pause) durch.
Ein wichtiger Teilaspekt der eben erläuterten entitätsbildenden Metaphern ist die Gefäß-Metapher bei Objekten. Die meisten Objekte unserer Lebenswelt besitzen ein Inneres und sind durch eine begrenzende Oberfläche von der Außenwelt getrennt. Es gibt eine Nach-Innen-Orientierung und eine Nach-Außen- Orientierung. Zimmer und Häuser sind in diesem System eindeutig Gefäße. Aber auch die menschliche Seele ist ein Gefäß (Das tat mir innerlich richtig weh.). Wir können diese Gefäße mit unscharfen Grenzen konzeptualisieren. Eine Waldlichtung hat beispielsweise keine scharfe Grenze zum sie umgebenden Wald und trotzdem erkennen wir sie. Wichtig für die Metaphern-Theorie ist, dass wir selbst eine Grenze ziehen (können), wenn die „natürliche” zu unscharf ist. Wir helfen uns dabei z.B. mit dem Zweier-Paar Innen und Außen und mit der Orientierung von Innen nach Außen oder umgekehrt. Auch unser Blickfeld ist ein Gefäß. Außer Sichtweite, etwas im Auge/ Blick haben verdeutlichen dies. Mit Metaphern gelingt es, einen Sachverhalt zu personifizieren. Verschieden eingesetzt können sie jeweils eine andere Nuance eines Sachverhalts illustrieren. Die Inflation hat die Grundfeste unserer Volkswirtschaft erschüttert. Die Inflation hat uns an die Wand gedrückt. Die Inflation wurde hier als Gegner personifiziert. Eine Verwechslungsgefahr besteht zwischen Metapher und Metonymie. Bei der Metonymie handelt es um eine Ersetzung bzw. Umbenennung. Bei: „Die drei Bier warten auf ihre Rechnung” warten natürlich keine drei Biere auf ihre Rechnung, vielmehr wird der Gast, der sie bestellt hat, damit identifiziert. Ein Sonderfall der Metonymie ist die Synekdoche, bei der ein Teil für das Ganze steht (Bsp.: Es gibt etliche kluge Köpfe an unserer Universität.). Es sind damit natürlich die klugen Wissenschaftler gemeint. Hinter Metapher und Metonymie stehen unterschiedliche Konzeptionen. „Die Metapher bietet vor allem die Möglichkeit, einen Sachverhalt im Lichte eines anderen Sachverhalts zu betrachten, ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, einen Sachverhalt verstehbar zu machen. Die Metonymie andererseits hat in erster Linie die Aufgabe, eine Beziehung herzustellen, so dass wir eine Entität benutzen können, damit diese für eine andere Entität steht.”18 Ebd.; S. 47. Es gibt jedoch auch einige wichtige Gemeinsamkeiten. Lakoff und Johnson beschreiben einen fundamentalen Zusammenhang zwischen Gesicht und ganzem Körper einer Person. Bei einem Passbild oder Portrait schließen wir automatisch auf den Rest der Person. Würden wir jedoch ein Bild eines Körpers ohne Kopf gezeigt bekommen, wären wir sehr erstaunt. Wie bei den Metaphern können wir Metonymie-Konzepte herstellen. In diesem Falle lautet es: Das Gesicht steht für den Menschen. Weitere metonymische Konzepte sind: der Erzeuger steht für das Produkt, das Objekt steht für den Benutzer, der Verantwortliche steht für das Resultat u.v.m. Diese metonymischen Konzepte funktionieren nach der gleichen Systematik wie die metaphorischen Konzepte. Sie beruhen ebenfalls auf unseren Erfahrungen und sind im Gegensatz zu den Metaphern leichter zu erkennen. Es gibt stark kulturell geprägte Metonymien wie zum Beispiel das Verschenken weißer Rosen zu feierlichen Anlässen in Westeuropa. In Asien hingegen sind weiße Blumen Symbole der Trauer. Metaphern benutzen oft nur einen Teil eines Gleichnisses. Beispielsweise gibt es fundamentale Theorien und wir verstehen darunter, dass sie sehr grundlegend sind. Die Metapher Fundament/fundamental wurde von einem Gebäude ausgeliehen. Ein Gebäude, das auf einem stabilen Fundament steht, hat eine gute Voraussetzung auch selbst ganz stabil zu sein. Und wir haben nun die Chance, auch andere Gebäudeaspekte zu benutzen. Seine Theorie hat tausend Kämmerchen und lange labyrinthische Flure. Auf diese Weise können wir veranschaulichen, dass es sich um eine sehr komplexe und vermutlich weit reichende Theorie handelt. Das Metaphernkonzept, das allem zu Grunde liegt, lautet: Theorien sind Gebäude. Diese Arten von Metaphern bezeichnet man als Struktur-Metaphern. Sie bilden die dritte und wohl umfangreichste Gruppe der Metaphern. Dabei werden Zusammenhänge (eben jene Strukturen) mit den ausgetauschten Bezeichnungen gefüllt. Um diese Metaphern zu verstehen, ist mehr Wissen notwendig als bei den zwei zuvor besprochenen Metaphernarten. Selbst bei Menschen, die in ein und demselben Kulturkreis leben, kann es zu Missverständnissen kommen. Kann man sein Handy booten? Wer diesen Fachausdruck des Rechnerstartes nicht kennt, kann auch nicht verstehen, dass ein simples Einschalten des Mobiltelefons gemeint ist. Bei der Bildung der Struktur- Metaphern ist es also ausgesprochen wichtig, bekannte Strukturen zu verwenden. Politik, Medien, Natur und Alltagswissen (im engeren Sinne) sind der Spenderbereich für die Struktur-Metaphern. Zusammenfassend läßt sich folgendes feststellen:
1. Metaphern sind weit mehr als eine rhetorisches Stilmittel im Sinne von Aristoteles.
2. Lakoff und Johnson gelingt es in ihrem Buch „Leben in Metaphern” ihre Theorie der Konzepte schlüssig zu erklären. Die Einteilung in die drei Gruppen Orientierungs-, Struktur- und ontologische Metapher ist nachvollziehbar. Ebenso die Erklärung ihrer Entstehung, nämlich mittels unserer Erfahrungen und die Erläuterung zu ihrer jeweiligen Abhängigkeit vom Kulturkreis. Letztlich bleibt offen, was wir nun genau unter einer Metapher verstehen sollen. Es fehlt eine exakte Definition. Bisher wurden die Vorgängertheorien immer „bloß” widerlegt. Unter anderem erschwert uns der Wandel der Sprache - somit auch der Metaphern - eine genaue Definition. Was gestern noch Metapher war, ist heute schon zu einem festen Lexem der Sprache geworden und wird seinerseits wieder in neuen Metaphern verwendet. Der Bezug zwischen Bildspender und Bildempfänger kann auf sachlichen Beziehungen oder Vergleich oder auch auf beidem beruhen. Für die weitere Arbeit möchte ich die weiteste Auslegung der Metapher verwenden: Übertragung eines Wortes in eine uneigentliche Bedeutung oder einen bildlichen Ausdruck.
Beim Gebrauch mit Computern und Internet treten Metaphern im Zusammenhang mit erklärenden Texten oder in grafischer/ visueller Form auf. Da die sprachlichen Formen schon eingehend erläutert wurden, möchte ich hier nur auf die grafischen Formen eingehen. Damit meine ich hauptsächlich Abbilder von Gegenständen der realen Welt, die in die „Computerwelt” bzw. ins Internet übertragen wurden. Dazu zwei Beispiele: Eine der bekanntesten Metapher ist die Desktop-Metapher. Um dem Anwender eine bessere Übersicht über die Ressourcen seines Computers zu geben, wurde die Oberfläche einem Schreibtisch nachgebildet (eben jenem engl. Desktop). Der Nutzer konnte nun Dinge hin und her schieben, wie er es von einem normalen Schreibtisch gewohnt war. Weiterhin sehr bekannt sind die Baumstrukturen. Bei ihnen kann man von einem Endpunkt aus eine Basis ermitteln oder Zusammenhänge zwischen einzelnen Zweigen des Baumes herstellen. In den letzten Jahren wurden die Computer schrittweise um viele Funktionen erweitert u.a. auch im Audio-Bereich. Die Funktionen zum Hören von Musik, Abspielen von CDs oder Ansehen von Filmen wurden grafisch den HiFi-Anlagen und Fernsehern nachempfunden. Bedienungsanleitungen wurden dadurch überflüssig. Die Benutzer kennen die meisten Funktionen schon. Im Internet setzt sich die Metaphern-Verwendung dieser Art fort. Navigationsbuttons werden nicht beschriftet, denn klar ist: ein kleiner Briefumschlag bedeutet Email-Kontakt(-Möglichkeit), ein Haus bedeutet Rückkehr zur Ausgangsseite (Homepage).
Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit sollen Metaphern in der Computer- Fachsprache untersucht werden. Und um es schon vorweg zu nehmen: die sogenannte Computer-Fachsprache hat sich sehr stark in die Allgemeinsprache ausgebreitet, so dass ein weiter Teil dieser mit untersucht werden muss. Außer Frage steht, dass Personalcomputer in unserem Alltag auch für eine andere Begrifflichkeit gesorgt haben. Computer-Fachsprache im engeren Sinne ist sicher vorhanden in Labors, bei Softwarefirmen, bei Prozessor-Designern und auch in sehr speziellen Computerfachzeitschriften (die sich mit sehr speziellen Programmiertechniken befassen). Deshalb wird es um die Betrachtung dessen gehen, was man am ehesten als Computerwortschatz beschreiben könnte. Computerwortschatz, Computerwörter, EDV-Wortschöpfungen beschreiben alle die zu untersuchenden Wortgruppen. Sie haben unmittelbar mit Computern zu tun und werden von Menschen geprägt, die eine hohe Bindung an Computer haben, mit ihnen arbeiten oder Programme für sie entwickeln. Aber nicht zuletzt dienen sie der Erklärung des Systems Computer und aller damit verbundenen Systeme (im engeren Sinne Internet, Intranet, Anwendersoftware). All diese Erklärungen setzen neben Metaphernverständnis auch Textverständnis voraus. Deshalb gibt es an dieser Stelle einen kurzen Einschub zum Thema Textverständnis. Unter einem Text versteht man eine zusammenhängende sprachliche Äußerung. Der Zusammenhang, auch Textkohärenz genannt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Text. Den Zusammenhalt schaffen Phänomene wie Wiederholung (Rekurrenz), Austausch (Substitution), die Verwendung von Pro-Formen und auch der Gebrauch von deiktischen Anzeigern wie Artikeln. Gerade der Einsatz dieser deiktischen Mittel setzt ein bestimmtes Vorwissen voraus. Der unbestimmte Artikel wird eingesetzt, um ein noch unbekanntes Element einzuführen. Der bestimmte Artikel hingegen zeigt an, dass das bezeichnete Element schon einmal erwähnt wurde. Die Verweiskraft eines bestimmten Artikels erstreckt sich auch über einen Text hinaus. Er bezieht sich auf beim Rezipienten als bekannt voraus gesetztes Wissen. Beispiele dafür sind Zeitangaben oder geografische Angaben (Weihnachten, Ostern, der Nordpol). Ebenso kulturell bestimmte Metaphern bilden Dinge und Personen des Alltags (der Papst, der Präsident, die Gosse, das Parlament). Aber es können auch zeitspezifische Phänomene konkretisiert werden (die Arbeitlosenquote, die derzeitige Regierungskrise). Die Situationsdeixis verknüpft den Text mit außersprachlichem Kontext (dort, jetzt). Neben diesen Verknüpfungen gibt es auch die expliziten Verweise im Text (z.B. Wie oben schon erwähnt.)
Alle genannten sprachlichen Merkmale sind Teil der sogenannten Oberflächenstruktur. Es handelt sich dabei um konkrete sprachliche Ausprägungen eines Konzepts. Ihm zugrunde liegt die Tiefenstruktur. Das Textverständnis basiert im wesentlichen auf dem Erkennen dieser Tiefenstruktur eines Textes. Ein Beispiel19 Aus: Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann; Studienbuch Linguistik; Niemeyer Verlag; Tübingen; 1994; S. 225. dazu: Hans kommt nicht zur Konferenz. Er ist krank. Das Pronomen er nimmt Bezug auf die vorher eingeführte Person Hans. Es gibt einen konzeptuellen Zusammenhang, nämlich die Begründung (seines Fernbleibens). Zweites Beispiel: Anna kommt zur Konferenz. Sie ist krank. Diese beiden Sätze sind scheinbar nicht mehr so stark zusammenhängend wie die beiden vorigen, fast widersprüchlich. Zum Textverstehen wäre es hier günstiger ein Kohäsionsmittel (in diesem Fall die Konjunktion obwohl) einzufügen. Es wird dadurch der Zusammenhang zwischen den zwei scheinbar gegensätzlichen Aussagen geschaffen. Der Zusammenhang zwischen den Paaren Oberflächenstruktur - Tiefenstruktur, Textkohäsion - Textkohärenz ist nicht lückenlos. Der Leser ergänzt fehlende Teile der Oberflächenstruktur, stellt Zusammenhänge her, er leistet Textarbeit. Wie bei den Metaphern schon erwähnt brauchen wir zum Konzipieren ein bestimmtes Wissen. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um zwei Arten Wissen. Zum einen das Weltwissen (auch enzyklopädisches Wissen) und zum anderen das Handlungswissen. Das Weltwissen ist stark vom Kulturkreis geprägt, es ist aber auch naturwissenschaftliches Wissen und unspezifisches Alltagswissen. Das Handlungswissen (prozessuales Wissen) bezieht sich auf Abläufe und auf Situationen. Wir können entscheiden, wie wir uns in verschieden Alltagssituationen verhalten müssen (sollten) oder was von uns erwartet wird. Diese Handlungen sind kulturell geprägt (Hände-reichen, Verbeugungen). Eben dieses Wissen ist schwer zu fassen und abzugrenzen. Beide Wissensbereiche überschneiden sich. Es stellte die Entwickler des Fachgebietes Künstliche Intelligenz vor unüberwindbare Aufgaben, denn es war und ist nicht möglich einem Computer dieses Wissen einzugeben. Es müssen Erfahrungen gemacht werden, es muss erlernt werden.
Eine neue Theorie zum Textverständnis bedient sich der Begriffe Frame und Script. Diese Theorie teilt die Wissensbereiche ebenfalls in statisches Wissen und veränderliches. Die statistischen Anteile bilden den sogenannten Frame (Rahmen), alles Veränderliche stellt das Script (Szene) dar. An einem Beispiel erläutert: Zum Frame einer IT-Firma gehören: Computer, Netzwerktechnik, Programmierer, Büroinventar etc. Das Script bilden die Abläufe beispielsweise das Verhalten der Menschen bei einem Rechnerausfall oder die Aktionen der Belegschaft bei einer Präsentation. Dieses Frame-Script-Modell wurde auch auf Metaphern angewandt20 Markus Secker; Metaphorisches Konzept und Metaphorische Bezeichnung, dargestellt am Einfluss anderer Konzepte auf den Sport. und wurde für die Linguistik aus der Psychologie entlehnt. Das Thema Textlinguistik soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden, vielmehr geht es um Textverständnis und daraus ableitbare Theorien zum Metaphernverständnis.
Wie werden wissenschaftliche Texte verstanden? Wie klar ist die Kohäsion und wie gut erkennbar ist die Kohärenz, die ja ausschlaggebend für das Textverständnis ist.21 Linke; S. 225. Wissenschaftliche Texte sind problematisch – diese Einschätzung hört man oft. Die Autoren befinden sich in ihrem Fachuniversum und verwenden Fachtermini, die selbst Kollegen nicht kennen.22 sehr problematisch ist die inkonsistente Verwendung von Fachausdrücken.
Die Vermittlung von Wissen erfolgt oft in der Kette Wissenschaftler – Wissenschaftsjournalist – Medienrezipient. Eine Ausnahme ist die Situation an einer Universität, wo der Wissenschaftler den Studenten Wissen aus erster Hand weitergibt. Die nachfolgenden Überlegungen basieren auf Arbeiten von Bernd Ulrich Biere.23 Bernd Ulrich Biere / Wolf-Andreas Liebert; Metaphern, Medien, Wissenschaft. Zur Vermittlung der AIDS-Forschung in Presse und Rundfunk; Westdeutscher Verlag; Opladen; 1997. Er untersucht verschiedene Formen der Wissensverbreitung am Beispiel der HIV-Infektion. Er legt seinen Untersuchungen das Metaphernmodell von Lakoff zu Grunde, speziell die kognitiven Metaphernmodelle. Zum einem untersucht er die Fachsprache von Wissenschaftlern und zum anderen die Vermittlung des Fachwissens an Laien. Virologie und Computer haben zumindest eine Gemeinsamkeit; es geht bei beiden um abstrakte Prozesse. Man kann davon ausgehen, dass fachsprachliches Wissen bei der Vermittlung transformiert wird. Es wird der vermuteten Wissensbasis des Adressaten angepasst und diese Anpassung erfolgt sowohl an der Oberfläche als in der Tiefenstruktur. Wie im vorigen Kapitel angesprochen, muss der Rezipient Textarbeit leisten und bei Fachtexten eine spezielle. Biere beschreibt sie als hermeneutische Toleranz: dem Text folgen, auch wenn man Teile (noch) nicht verstanden hat. Sein Beispiel: Proteasehemmer ein Fachterminus, welcher vorerst nicht im Text erklärt wird. Dennoch wird klar „irgend etwas hemmt etwas anderes” ein Medikament, das etwas unterbindet. Man versteht, worum es „im Prinzip” geht. Und in dieser Richtung wird auch nachfolgend konkret erklärt. Es handelt sich um ein Medikament, welches die Bildung eines bestimmten Enzyms blockiert. Auf einem fachsprachlichen Wortschatz bauen die Metaphern in seinem Beispiel auf. Im Falle der HIV-Erklärung taucht die schon von Lakoff erkannte Kampf-Metapher auf. Viren dringen ein, werden getötet, Medikamente greifen an und blockieren. Das Modell des Kampfes ist kohärenzbildend. Die Kampf-Metapher muss sich in einem konkreten Fall24 Bernd Ullrich Biere; Sturmangriff der Killervieren; in: Bernd Ulrich Biere / Wolf-Andreas Liebert; Metaphern, Medien, Wissenschaft. Zur Vermittlung der AIDS-Forschung in Presse und Rundfunk; Westdeutscher Verlag; Opladen; 1997; S. 132 gegen eine andere (dynamischere) Metapher durchsetzen. Im weiteren Verlauf kommt es zur Vermischung beider Metaphern (conceptual blending), denn das Konzept muss sowohl Drama als auch Dynamik enthalten. „Und in diesem langen Kampf (gibt) das überstrapazierte Immunsystem schließlich auf.”25 Ebd.; S. 138 Im konkreten Falle der HIV-Darstellung hatte ein Wissenschaftsjournalist Anteil an der Entstehung des Textes26 Es handelt sich um die Mitschrift einer Radio-Diskussion. und somit der Metaphern. Die Untersuchung wurde an einer speziellen Textsorte durchgeführt. Einordnen könnte man wissenschaftsjournalistische Texte in die Textklasse der Zeitungstexte. Diese wird auch zu einem großen Teil in der nachfolgenden Untersuchung die Grundlage bilden. Drei Merkmale kennzeichnen diese Texte. Erstens wird eine einfache, parataktische Syntax verwendet. Zweitens beinhalten sie einen hohen Anteil an Fachwörtern. Das dritte Merkmal bezieht sich auf Metaphern, es werden nämlich protometaphorische Modelle eingeführt.
Erklärungen, die mit der Hilfe von Metaphern gebildet werden, sollten leichter verstanden werden. Grundlage all dieser Erklärungen ist die gemeinsame Wissensbasis von Erklärendem und Rezipienten. Ohne diese sind die Metaphern wirkungslos. Die starke Verbreitung in der Sprache beweist ihre Wirksamkeit. Die Untersuchungen von Lakoff und Johnson zeigen die tiefer gehende Wirkung der Metaphern. Grundlegende Erfahrungen sind die Basis für die Metaphernbildung. Sie helfen uns unbewusst, bestimmte Zusammenhänge unseres Lebens zu begreifen. Wir wenden sie aber auch sehr bewusst zum Veranschaulichen bestimmter Sachverhalte an. Mit ihrer Hilfe schließen wir von Bekanntem auf Unbekanntes. Aus diesem Grund sollten sich auch komplexe Systeme wie Computer und Computernetze mit den Metaphern besser erklären lassen als mit nackten wissenschaftlichen Fakten. Speziell die Struktur-Metaphern sollten sich auf komplexe Zusammenhänge anwenden lassen. Übertragungen aus anderen Wissensbereichen (HIV-Beispiel) stützen diese These ebenfalls. Die Metaphern werden sowohl von Lehrern zur gezielten Wissensvermittlung genutzt, als auch von Wissenschaftsjournalisten zur Vermittlung von unspezifischem Wissen. Dies erfolgt in den Massenmedien wie Zeitungen, Zeitschriften und TV. Bei den produzierten Texten handelt es sich also dann um eine spezielle Textsorte.