Was genau ist eigentlich eine Fachsprache und wozu wird sie benötigt? Es gibt ca. 300 Fachsprachen auf ebenso vielen Wissengebieten. Und die Unterteilung dabei ist nicht so streng wissenschaftlich, wie man es annehmen könnte. Vielmehr gibt es einzelne Unterbereiche wie das Geldwesen, das zur Betriebswirtschaft zählt. Grundsätzlich sollen Fachsprachen oder besser die Termini der Fachsprachen die Kommunikation zwischen ihren Benutzern verbessern. Die aus der Alltagssprache bekannten Phänomene wie: „Das habe ich gar nicht gesagt!“, „So habe ich das nicht gemeint” etc. müssen bei der Übermittlung und Archivierung von Fachkenntnissen unbedingt vermieden werden. Die Fachsprachen können auf einer anderen allgemeinen Sprache basieren (Wie z.B. die medizinische Fachsprache auf dem Lateinischen). Im Handbuch der Bibliothekswissenschaften wird der Begriff „Fachsprache” wie folgt beschrieben: „Die Fachsprache ist auf einem bestimmten Fachgebiet durch Ausbildung und Schulung präzisierte Terminologie, die meist nur dieser Zielgruppe voll verständlich ist. Im Vergleich zur natürlichen Sprache einer Gesellschaft, die vom Kleinkind bis zum Spezialisten eine große Bandbreite an Teilnehmern dieser Sprache bedienen muss, streben Fachsprachen eine verbesserte Kommunikation über bestimmte fachliche Inhalte an, die allerdings voraussetzt, das hier alle Teilnehmer dieses gehobene Niveau der terminologischen Kontrolle beherrschen. Für die Spezialisten eines bestimmten Fachgebietes ist ihre Fachsprache die für sie natürliche Sprache, was dazu führt, dass Dokumentationssysteme und die darin enthaltenen Thesauri, eine Nomenklatur beinhalten müssen, die für die entsprechende Zielgruppe als ihre natürliche Sprache verstanden wird. Während für den Laien in einer öffentlichen Bibliothek Fische annähernd all das sind, was im Wasser schwimmt, also auch Delphine oder Wale, ist für den Biologen die Benennung Pisces natürlicher, weil definitorisch eindeutiger.”27 URL am 31.12.2001 http://www.ib.hu-berlin.de/wumsta/wistru/definitions/d65.html Etwas weiter gefasst kann man auch Symbole und Zeichen z.B. elektronische Schaltpläne und gebäudetechnische Zeichnungen als Fachsprache bezeichnen. Es braucht es ein gewisses Fachwissen, um die Sprache zu verstehen und somit ist sie im Umkehrschluss dem Laien nicht ohne weiteres verständlich. Die Gesellschaft für Informatik prägt eine eigene Definition für die Fachsprache und zieht daraus auch gleich Konsequenzen für das Programmieren. Die Fachsprache ist demnach mehr oder minder formalisiert und rein deskriptiv und daher auch eine wichtige Grundlage für das problemorientierte Programmieren. Eine weitaus differenziertere Definition liefert der Fachbreich Informatik der Uni Hamburg.28 URL am 31.12.2001: http://nats-www.informatik.uni- hamburg.de/vhahn/Fachsprache/vHahn/Methoden/Texte/Definition.html. Es werden fünf mögliche Definitionen aus jeweils einem anderen Blickwinkel angeboten. Diese fünf Möglichkeiten sind29 Ebd.
Die fach-systematische Definition: „Fachsprache ist eine Variante, die durch alternative Ausdrucksweisen neben der Gemeinsprache steht.” Zentrale Vorstellung: Fachsprache ist eine besondere Variante einer natürlichen Sprache. Sicht auf die Sprache: Kompetenz-orientierte Sprache als System von formalen Mitteln, das aus verschiedenen Typen besteht, aber insgesamt eine konsistente Sprache bildet. Abgrenzungsmittel: Exklusive sprachliche Mittel. Probleme: Sprachsystem ist eine Abstraktion, die auf den jeweiligen theoretischen Annahmen basiert und damit die Abgrenzung unsicher macht.
Die lexikalisch (syntaktische) Definition: „Fachsprache ist eine Subsprache, d.h. eine spezifische Auswahl der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die man durch Aufzählung der Regeln oder des lexikalischen Inventars abgrenzen kann.” Zentrale Vorstellung: Fachsprache ist eine spezielle Auswahl der sprachlichen Mittel bei der Benutzung einer Sprache. Sicht auf die Sprache: Performanz- orientierte; Sprache ist nie homogen, sondern jeweils eine spezielle Auswahl unter jeweils speziellen Bedingungen. Diese können historisch, individuell, fachlich etc. sein. Abgrenzungsmittel: Spezifische Auswahl sprachlicher Mittel. Probleme: Dieselben lexikalischen und syntaktischen Mittel kommen in der Gemeinsprache wie in der Fachsprache vor, so dass damit nicht genug Trennschärfe gegeben ist.
Die inhaltliche Definition: „Fachsprache ist die Sprache zum Ausdruck bestimmter Fachinhalte.” Zentrale Vorstellung: Fachsprache ist das zur Bezeichnung von Sachverhalten eines Fachs optimal angepasste sprachliche Ausdrucksmittel. Sicht auf die Sprache: Sprache als informationsübertragendes Medium, das bestimmten Inhalten angepasst werden kann. Abgrenzungsmittel: Kommunizierte fachliche Inhalte. Probleme: Fächer lassen sich nicht abgrenzen. Auch die Klassifikationslehre kann keine klare Abgrenzung liefern. Zu schnell wird der Schluss gezogen, dass alles ein Fach ist, wofür ein Terminus vorliegt. Begriffe sind gegenüber der Wirklichkeit Vereinbarung, nicht „natürliche” Struktur.
Die Hörer/ Sprecher-Definition: „Fachsprache ist die Sprache von Berufstätigen.” Zentrale Vorstellung: Fachsprache ist die individuelle Auswahl der sprachlichen Mittel durch Sprecher, deren Interesse die fachliche Kommunikation ist. Sicht auf die Sprache: Die Sprache wird bestimmt durch die Intentionen ihrer Sprecher. Abgrenzungsmittel: Fachliche Intention der Kommunikationspartner. Probleme: Fachtätigkeiten und Berufe sind jeweils willkürlich getrennt. Es gibt mehrere Übergangsbereiche, z.B. Hobbys, bei denen berufliche und nicht-berufliche Tätigkeiten eng nebeneinander liegen
Die funktionale Definition: „Neben der poetischen oder der sozialen hat die Sprache auch die fachliche Kommunikationsfunktion, für die sie besondere Mittel bereitstellt.” Zentrale Vorstellung: Fachsprache ist eine der Funktionen der Sprache in der natürlichen Kommunikation. Sicht auf die Sprache: Sprache als Kommunikationsmittel in verschiedenen Funktionen mit jeweils unterschiedlichen formalen Mitteln. Abgrenzungsmittel: Durch Festlegung der Funktion. Probleme: Funktionen der Sprache sind keine theoretisch definierten Objekte. Es gibt keine überschaubare Menge solcher Funktionen (wie etwa Sprechakte), sondern eher zentrale Funktionen und eine große Zahl weiterer möglicher Kandidaten.
Nach diesen Definitionen wird klar, dass der Begriff Fachsprache auf die ins Auge gefasste Gruppe von Fachwörtern nicht ganz zu trifft. Die Fachwörter werden nicht mehr nur von Fachleuten benutzt; auch interessierte Laien verstehen sie. Sie führen kein Schattendasein neben der Gemeinsprache, sondern nehmen in selbiger einen immer größeren Raum ein. Es braucht daher eine weit gefasste Definition, um den zu untersuchenden Kreis zu beschreiben. Bei dieser möchte ich mich der terminologischen Anmerkung von Wichter30 Sigurd Wichter; Zur Computerwortschatz-Ausbreitung in die Gemeinsprache; Peter Lang Verlag; Frankfurt am Main; 1991. anschließen. In seinem Buch „Zur Computerwortschatz-Ausbreitung in die Gemeinsprache” trifft er folgende terminologische Verabredung: „Wenn wir das Wort Computer in Computerwortschatz oder Computertechnologie als umfassend gemeinte, über das Gerät im engeren Sinne metonymisch hinausgehende Bereichsbezeichnung verwenden, dann wird eine von mehreren Wahlmöglichkeiten ausgezeichnet, etwa vor den Motivationen mit Informatik, EDV, ADV, Datenverarbeitung.”31 Ebd.; S. 3. Die Entwicklung der engen Verzahnung von Fachwortschatz und Gemeinsprache sollen die folgenden Ausführungen verdeutlichen. Am Anfang von Wichters Untersuchung steht die Suche nach einem System, um die verschiedenen Phänomene zeitlich einordnen zu können. Wichter stellt dabei drei Hauptperioden fest. Zum Ersten die Anfangsphase, zum Zweiten die Öffnungsphase und zum Dritten die Publikumsphase. Er schreibt dazu: “Es versteht sich von selbst, sei aber eigens hervorgehoben, dass diese Periodisierung um der Herausarbeitung der Hauptlinien willen in vielen Hinsichten vereinfachend ist und auch breite zeitliche Übergänge angenommen werden müssen.”32 Ebd.; S. 2. Die Anfangsphase beginnt 1941. Der deutsche Ingenieur Konrad Zuse entwickelt den ersten vollautomatisch programmierbaren Computer der Welt. Nach seinem Namen und zwei Vorgängerversuchen (1938 mechanische Rechenmaschine Z1) erhielt dieser den Namen Z3. Er setzte mit dieser Bezeichnung auch den ersten Trend in der Benennung. So einfach und kurz wie möglich. Das dachten sich auch Kernighan und Ritchie, die 1978 ihre Progammiersprache C nannten. Weitere Beispiele der Serie: C64, C++ und CD. Ein weiterer klangvoller Name dieser Zeit ist ENIAC eine Rechenanlage auf Röhren basierend. Der wirkliche Durchbruch in der Computerindustrie begann aber erst mit der Entwicklung und mikroskopischen Verkleinerung der Transistoren. Ihnen folgten die integrierten Schaltkreise (IC). Durch sie wurde die Entwicklung und der Einsatz leistungsfähiger Computer erst möglich. Dennoch muss es eine „handwerkliche” Phase der Computerproduktion gegeben haben. Anekdotenhaft wird die Entstehung des Begriffs Bug überliefert. Heute eine gängige Bezeichnung für Fehler in der Hard- und Software. Hier die sinngemäße Anekdote: Als lackierte Platinen auf dem Fensterbrett zum Trocknen in der Sonne lagen, lief ein Käfer darüber und blieb am Lack haften. Die Platine erwies sich dann als nicht funktionsfähig. Woran lag es? „It was a bug.” In jener Zeit (erste Hälfte der fünfziger Jahre) finden sich in den Wörterbüchern von Mackensen und Pekrun noch keine Hinweise auf die Computertechnik. Und dann tritt ein kleines Problem (zumindest aus meiner Sicht) zu Tage.
Wichter nimmt von seiner Betrachtung Wörter aus, welche zu dieser Zeit noch eine andere Bedeutung haben. Seine Beispiele sind: Algol Doppelstern im Perseus vs. Programmiersprache und Speicher als Lager im Gegensatz zum elektronischen Bauelement. Es geht um die Feststellung der Fachfremdheit. Wann ist z.B. der Befehl ein elektronischer? Sofern sich die Bedeutung aus dem Kontext ergibt, ist die Feststellung leicht. Aber bei der bloßen Untersuchung von Wörtern in einem Wörterbuch stelle ich mir die Abgrenzung schwierig vor. Als erste Nennungen führt Wichter 1949 V4, Gerät, Maschine, Ding und Rechenmaschine an. Wobei hier nicht klar ist, was Gerät, Maschine und Ding für spezielle Computerwörter darstellen. Bestenfalls aus dem Kontext geschlossene Bezeichnungen für Computer. Konkreter wird „Der Spiegel” (1950). Unter anderen werden Elektronengehirn, Maschinengehirn, Supergehirn, Rechenwunder, Rechenmaschine als Computerwörter benutzt. Es werden außergewöhnliche Denkleistungen (wie schnelles und komplexes Rechnen) mit ihnen assoziiert. Andere Bezeichnungen sind eng an den Rechnererbauer oder an die Rechnertechnik geknüpft (Serienbezeichnungen wie Mark1, G1, Eniac). Weiterhin werden einzelne Teile des Computers benannt (das Speicherwerk). Die Begriffe in den nächsten Jahren kreisen eng um die Wörter Rechner, Elektron und Gehirn. Einteilen lassen sich diese Begriffe jedoch schon in metaphorische und technische Bezeichnungen. Metaphorisch ist hier im Sinne der Übertragung menschlicher Eigenschaften (Supergehirn) oder der Verbindung wie Elektronengehirn gemeint, um die abstrakte Technik anschaulich zu machen. Die Anzahl der Artikel in Zeitungen und Zeitschriften nimmt rasch zu. Differenziert wird auch über das Umfeld der Computer berichtet. Programmiersprachen und interne Abläufe (Was ist ein Sprungbefehl?) werden erklärt und es wird auf die bisherige Entwicklung der Rechner eingegangen. Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Computertechnik sich von einer Außenseiterdomäne zu einem ernst zu nehmenden Technik- und Wissenschaftszweig entwickelt, und das fand auch in der allgemeinen Sprache seinen Niederschlag. Trotz aller Verbreitung finden die Computerwörter noch keinen Platz in den Wörterbüchern. Wichter führt hier als Beispiele Mackensen, Pekrun und den Duden. 1958 ist der Duplexbetrieb als Doppelbetrieb im Duden verzeichnet (kein Computerwort). In großen Lexika wie Herder oder Brockhaus gibt es jedoch schon Erklärungen zu Rechenmaschinen. Es werden in diesen Erklärungen rund 300 Fachausdrücke verwendet. Diese stammen jedoch aus fachlich angrenzenden Bereichen wie der Elektrotechnik oder der Physik oder es handelt sich um interdisziplinär verwendete Ausdrücke. Weiterhin läßt sich feststellen, dass im Brockhaus der Begriff Rechenmaschine nicht einheitlich mit einer Bedeutung verwendet wird. „Die Bezeichnung Rechenmaschine, die auch als Lemma eingesetzt wird, dient im Großen Brockhaus einerseits als Oberbegriff für die programmgesteuerten Rechenmaschinen und für die überkommenen mechanischen Rechenmaschinen, die nicht programmgesteuert sind; andererseits werden die programmgesteuerten Rechenmaschinen mit einer speziellen Bezeichnung und einem speziellen Lemma ausgezeichnet, nämlich mit Rechenautomat, während den überkommenen Rechengeräten weitestgehend der Artikel Rechenmaschinen gewidmet ist, wobei doch die Bezeichnung Rechenmaschine doch Oberbegriff sein soll.33 Ebd.; S.17. 1960 enthält das Duden-Fremdwörterbuch bereits einige computertechnische Erklärungen. „Programm – bei elektronischen Rechenanlagen der durch Zeichen dargestellte Rechengang, der der Maschine eingegeben wird (Begriff der Automation)“. „Kybernetik – zusammenfassende Bezeichnung für eine Forschungsrichtung, die vergleichende Betrachtungen über die Steuerungs- u. Regelungsvorgänge in Technik, Biologie und Soziologie anstellt –”.34 Ebd.; S.20. Weiterhin enthalten sind: Programmieren, Programmierungstechnik und der Name ENIAC. Mit diesen Wörtern und aus dem Kontext der Erklärungen schließt Wichter auf insgesamt 15 Fachwörter. Zusätzlich zu den genannten Wörter wird im Duden- Rechtschreibwörterbuch noch das Elektronengehirn aufgeführt – jedoch ohne Erklärung. Auch im Duden-Bildwörterbuch von 1961 finden sich Computerwörter wie die zuvor genannten wieder. In diesem Stadium zieht Wichter eine Grenze innerhalb der Anfangsphase. Das Stadium der „Ein-Dutzend-Wörter- Repräsentation” ist erreicht. Dieses folgt der eher wenig spektakulären Phase der Unterschlagung der Computerwörter in den 40er und 50er Jahren. 1966 erscheint erstmals das bekannte Wörterbuch Wahrig; und es enthält 22 Computerstichwörter. Neben den Auszählungen der Computerwörter in Lexika und Wörterbüchern, scheint das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” ein relevanter Anzeiger für die Ausbreitung der Computerwörter zu sein. Im Jahr 1963 erscheinen neun Artikel zur Computertechnik. Wie werden die Computer dort erklärt? Ohne viele Fachwörter, nur im Kontext? Wichter macht hier keine genaueren Angaben zu den Quellen. In der ersten Hälfte der 60er Jahre ist auch das Wort Computer entstanden. Lexikografisch belegt ist es erstmals im Duden- Fremdwörterbuch von 1966. Wichter: „Das Wort Computer löst damit (so wird man das wohl sehen können) das Wort Elektronengehirn als spezifische Bezeichnung für das Gerät ab, ein Bezeichnungswechsel, der durchaus charakteristisch ist für den technologischen Wandel und seine Wahrnehmung.”35 Ebd.; S.27. In den 70er Jahren sind Computerwörter in allen Wörterbüchern verzeichnet. Die Entwicklung in Wörterbüchern hinkt jedoch der in den aktuellen Medien hinterher. Am Ende der ersten Phase stellt Wichter fest: a) der Bekanntheitsgrad der Technik beschränkt sich auf einzelne Bezeichnungen oder Bilder. b) es gibt beim Publikum keine eigenen Erfahrungen mit der besprochenen Technik. Die zweite Phase (Öffnungsphase) der Ausbreitung der Computerwörter geht mit einer exponentialen Steigerung des Wissens über die Computer einher. Wichter dazu: „Der Wissenstransfer wird umfangreicher und differenzierter, der allgemeine Wortschatz wird in diesem Fachbereich entsprechend erweitert,...”36 Ebd.; S.30. Technisch wird im Jahr 1968 der Integrierten Schaltkreise entwickelt (später abgekürzt mit IC). Vereinfacht dargestellt heißt das, dass nicht mehr einzelne elektronische Bauelemente auf ein Platine gelötet werden, sondern dass viele miniaturisierte Schaltungselemente auf einen Siliziumkristall untergebracht werden. Sehr schön – aber nicht interessant für die Sprachentwicklung? Interessant wird es, weil nun der Computer zur Massenware wird. Und nun bedarf es neuer Erklärungen und Beschreibungen: Die Computer rücken nun auch in den Interessenkreis der Sprachwissenschaftler. Leo Weisgerber führt dazu aus, dass das Jahr 1968 gekennzeichnet ist durch den Durchbruch der Datenverarbeitung im Allgemein-Bewusstsein: „... was zunächst mehr als Domäne besonderer wissenschaftlicher oder technischer Arbeitsgebiete erschienen war, erreichte nun ... in raschen Schüben die Öffentlichkeit.” Es werden nun auch sprachtheoretische Bedenken geäußert. Kann sich das Wort Computer gegen deutsche Ersetzungen wie Horter oder Verdater durchsetzen? Wie nun durch die Sprachentwicklung bewiesen wurde, war das der Fall. Die Beschreibungen der Technik werden einfacher und freier von Vorkenntnissen. Neben Zeitungsartikeln erscheinen Bücher zu diesem Thema. Im Fernsehen wird eine Sendereihe mit dem Titel Einführung in die Elektronik ausgestrahlt und es erscheint ebenfalls ein Begleitbuch dazu. Auch im vorher immer angeführten Nachrichtenmagazin „Der Spiegel”, steigt die Zahl der Computerbeiträge um mehr als das Doppelte. Es kommen immer mehr Computerderivate auf den Markt, so zum Beispiel der Personal Electronic Transactor (PET) der Firma Commodore. Der Mackensen von 1977 enthält ca. 80 Computerwörter. Darunter sind eindeutige Computerwörter wie Bit oder Byte, aber auch kontextabhängige wie ablochen, Locher oder Befehl. Im Gegensatz zur Öffnungsphase kommt die Publikumsphase mit einem übergroßen Angebot an Material daher. Wichter läßt sie am Ende der 70er beginnen. Ein grundlegendes Merkmal ist der Beginn der massenhaften Verbreitung der Computer. Sie werden zur Supermarktware, halten Einzug in die Privathaushalte und entfernen sich zunehmend von ihrem eigentlichen Zweck dem Rechnen (wenn es den überhaupt gab). Sie werden zum Musik hören, spielen und Briefe schreiben verwendet. Demzufolge steigt auch der Erklärungsbedarf stark an. Zwei technische Meilensteine: 1980 kommt mit dem ZX 80 der erste Computer unter 300,- DM auf den Markt und 1981 gibt es die ersten C64 von Commodore.37 Der Vorgänger des C64 hieß VC20. VC war in diesem Fall die Abkürzung für Volkscomputer. Der bis jetzt letzte Baustein in der Reihe der in Deutschland so beliebten „Volksdinge” wie Volksempfänger und Volkswagen. Auf den Zeitschriftenmarkt kommen nun auch Computerzeitschriften, die Wichter natürlich als Quelle für seine Betrachtungen nutzt (erstes Heft der Zeitschrift Chip erscheint 1978). Zur Verbreitung der Computerzeitschriften bezieht sich Wichter auf Claus J. Tully, welcher 1989 230 Computerzeitschriften zählt. Leider wird nicht erwähnt, wo - Deutschland, Amerika, weltweit? Die Computerzeitschriften hantieren mit Fachbegriffen wie zum Beispiel Prozessorbezeichnungen SAB 8080 und MC 6800. Es bilden sich die noch heute bekannten Anwendungsgebiete der Computer: Textverarbeitung, Datenbanken, Bildbearbeitung und Programmierung heraus, die über einen eigenen Wortschatz verfügen bzw. diesen auszubilden beginnen.
Auch für Schriftsteller wird der Computer immer interessanter. Ähnlich Jules Verne beschreiben sie eine nicht all zu ferne Zukunft und schaffen Wörter, die später aus Romanen in die Wirklichkeit vordringen. Bestes Beispiel dafür ist der Autor William Gibson. „Das Wort Cyberspace ist gut zehn Jahre alt. 1996 Der Science-Fiction-Autor William Gibson hat den Begriff erfunden, als er in seiner Heimatstadt Vancouver die Kids vor den Computergames beobachtete: Finger und Augen der Spieler scheinen mit den Automaten zu verwachsen. Völliges Feedback, Gibson, ‘Photonen aus dem Schirm in die Augen, Neuronen flitzen durch den Körper, und Elektronen rennen im Videospiel. Die Kids glauben wirklich an diese Spiele.’ In seinem Roman ‘Neuromancer’ schlossen die Cyberpunks ihre Hirne direkt an den Computer an – ohne den Umweg über Tastatur und Monitor.”. Und Cyberspace ist heute (2001) wohl ein durchaus geläufiges Wort für das Internet. Das Computerwissen der Rezipenten steigt deutlich an. Vermittelt wird es durch eben jene Computerzeitschriften bzw. durch Handbücher zu den entsprechenden Geräten. Die damaligen Fachbücher wagten, aus heutiger Sicht, einen fast aussichtslosen Spagat zwischen allumfassender Information über Computertechnik und sehr spezieller Programmiertechnik. Im ersten Kapitel wird erläutert: Was ist ein Computer? Im letzten Kapitel geht es um Programmieranweisungen wie verschachtelte Schleifen. Viele Bezeichnungen aus dem Englischen werden einfach übersetzt und gelten somit als erklärt und eingeführt.38 z.B. in Computerwissen für alle von 1988 Als Beispiel für ein reines Computerlexikon sei hier das Lexikon Computertechnik von Scholz genann39 Klaus-Peter Scholz (Hrsg.); Lexikon Computertechnik; VEB Technik Verlag; Berlin; 1988.. Es enthält 1000 Stichwörtern. Auch hier bleibt immer noch die vage Vermutung, einige der aufgeführten Wörter haben wenig oder nichts mit Computern zu tun. Leporello wird erklärt als: „Endlospapier, das zickzackförmig auf ein bestimmtes Format gefaltet ist und mittels Randlochung exakt in einem Drucker transportiert werden kann. Die Bezeichnung Leporello ist nach dem Diener Don Giovannis benannt, der auf derart gestaltetem Papier die Abenteuer seines Herren aufgezeichnet hat”.40 Ebd.; S. 111 Der Duden – Die Deutsche Rechtschreibung schreibt dazu „(1) Diener in Mozarts Don Giovanni, (2)Kurzform für Leporelloalbum harmonikaartig zusammenzufaltende Bilderreihe.”.41 Duden – Die deutsche Rechtschreibung, Band 1, 22. Auflage; Dudenverlag; Mannheim; 2000; S. 440 Ich selbst kenne den Begriff Leporello nur als Bezeichnung für ein dreifach gefaltetes Blatt Papier, meist als Werbezettel verwendet. Es gibt jedoch auch einen anderen Weg der Wissensvermittlung nämlich die Print- und TV-Werbung. Dort wird das Wissen jedoch nur schlagwortartig und ohne didaktisches Geschick vermittelt. Und so nehmen es viele Konsumenten in Kauf, Fachbegriffe nur teilweise oder gar nicht zu verstehen.42 Was ist ein DDR-Ram? Hat nichts mit dem Vorgänger der neuen Bundesländer zu tun. Zusammenfassend sagt Wichter: „Die Sprachgemeinschaft nimmt additiv gesehen,... eine große Menge an sehr speziellen Termini auf.”43 Ebd.; S. 35 nEinen der Anfangsgedanken wieder aufnehmend, zählt Wichter die Computerwortschatz-Lemmata in Wörterbüchern (bzw. bezieht sich auf Auszählungen). 1983 finden sich 160 Computerwörter im Deutschen Universalwörterbuch. Rund 70 Computerwörter sind im Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache zu finden. Als Gesamtprozentsatz errechnet Wichter auf Basis der 160 plus (nicht näher spezifizierter) Randbezirke einen Anteil von 1,5 Promille der Computerwörter am Gesamtvokabular. Einige Beispiele bekannter und in dieser Zeit entstandener Computerwörter:
WYSIWYG – What You See Is What You Get, Apple entwickelte 1984 die erste grafische Benutzeroberfläche. Das, was man sah, war (scheinbar) auch das, was man tat.
CD-ROM – Daten in großer Menge lassen sich von der Compact Disc (read only memory) in den Rechner einlesen.
MS DOS – Microsoft bringt die Version 1.03 seines Disc Operation Systems auf den Markt. Betreiben lassen sich damit ...
IBM AT Rechner – AT steht dabei für Advanced Technology (IBM immer noch für International Business Machines).
VGA – heißt der neue Standard für Grafikkarten, Video Graphics Array aus dem später SVGA wird S steht dabei für super.
Ins Visier der Sprachwissenschaftler rücken nun die neuen Ausprägungen der Wortart Computerwörter. „Erste Belege habe ich für den Plural die Chipse gefunden, aber noch keine für einen neuen Singular der Chips.”44 Ebd.; S. 40. Weiterhin interessant: Woher sind die Computerwörter entlehnt? Das läßt sich für einen Großteil der Wörter leicht beantworten, sie kommen aus dem Englischen/ Amerikanischen. Um dem Laien bzw. Englisch-Unkundigen die Begriffe verständlich zu machen, erscheinen bald die ersten Wörterbücher auf dem Markt, die nur englische Fachtermini und deren Übersetzung enthalten. Wichter schließt seine Betrachtung im Jahr 1989. Er geht nochmals auf die Teilung des Vokabulars in Experten- und Nutzerwortschatz ein. Sein Fazit: „Die vertikale Verschiedenheit, die Distanz zwischen den einzelnen Ebenen, sind also auch in der letzten Phase trotz lebhafter Wortschatzentwicklung geblieben und vielleicht noch stärker geworden, da die Niveauanhebung der Wortschätze nicht nur eine oder wenige Ebenen, sondern die gesamte vertikale Skala betrifft.”45 Ebd.; S. 61. Wie erwähnt schließt Wichter mit dem Jahr 1989, das ist nun aber schon elf Jahre her. Und seit dem hat sich etwas getan – damit ist hauptsächlich die Entwicklung des Internet bzw. des WWW der Teil des Internet, den auch Laien benutzen können, gemeint. 1993 entstand die Idee, die Dateien durch die sogenannten Hyperlinks miteinander zu verknüpfen. Man musste sich nicht mehr merken, wo einzelne Dateien zu finden waren, man konnte jetzt auf „Signalwörter” klicken und kam zur gewünschten Information. Für diesen neuen Lebensbereich wurden neue Metaphern gefunden. Die Menschen surfen durch das Netz, nutzen Portale und konsumieren Content. Wieder neue Berufsbilder entstehen: Screen-Designer kümmern sich um das Aussehen der Webseiten, HTML’er schreiben sie und Content-Manager füllen sie mit Inhalt. Ein weiteres Phänomen ist das „nähere Zusammenrücken” der Menschen. Der Nutzer des Internets erfährt nun von der CES (Consumer Elektronik Show) in Amerika oder vom RSI-Syndrom (Repetitive Strain Injury Syndrom), das in England nicht als Berufskrankheit anerkannt wird. Die Idee der Computerwörter-Zählung wird sich durch die Masse und den schnellen Zuwachs nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Eine neue Untergruppe könnte die der nutzerspezifischen Wortschätze sein. Das Internet schafft eigene Personengruppen mit eigener Sprache. Eine davon sind die Nerds bzw. Geeks. Sie zeichnen sich durch eine hohe Bindung an den Computer und das Internet aus. Sie lesen Science-Fiction-Literatur, wie Neal Stephensons Cryptonomicon. „Seinen ersten literarischen Auftritt hatte er der Geek Anfang der 90er Jahre in Michael Crichtons Computer-Sex-Thriller Disclosure. Allerdings in einer Nebenrolle. Das gerade mal dem Teenager-Alter entwachsene Computer-Genie, das in dem im Buch beschriebenen Computerunternehmen die Cybertools entwickelt, die im Showdown der Geschichte wesentlich sind, ist programmatisch schlampig, legt keinen Wert auf Körperhygiene und hängt ernährungstechnisch an der Nabelschnur respektive der Telefonleitung zum Pizzadienst. Solche Menschen wurden damals Computer-Whiz oder -Nerd genannt.”46 46 Hier aus: Rondo - Beilage zu Der Standard; Freitag 22. September 2000. URL am 31.12.2001: http://www.nd-net.com/geek.html Um mögliche Kommunikationsfehler zu verhindern, konstruieren sie ihre eigene Kunstsprache, die Progammiersprachen ähnlich ist (www.geekcode.com). Es sind aber auch die Wortschätze der Anwender von Word, Exel oder Access, die im Gegesatz zu Programmierern, den Unterschied zwischen Funktionsleiste und Werkzeugleiste genau kennen. Das Internet bringt auch seinen eigenen Slang hervor. Dieser orientiert sich natürlich an Regeln der Rechner. Es werden ganz bewusst Fehlschreibungen verwendet. Unter dem englischen Begriff Tools verbergen sich meist Werkzeuge (Hilfsprogramme), um den Computer zu reparieren oder warten. Unter dem Suchbegriff Toolz hingegegen findet man ganz anderes Werkzeug.
http://www.gi-ev.de/informatik/lexikon/index.html
Fachsprachen können unabhängig vom Computer existieren. Es existieren in vielen Fachgebieten bereits stark formalisierte Fachsprachen, die prinzipiell geeignet wären, die Basis entsprechender Fachprogrammiersprachen zu bilden. Die Vorteile bei der Verwendung solcher Sprachen liegen auf der Hand: kein sprachlicher Bruch zwischen Problem- und Programmbeschreibung; daraus resultierender geringerer Wartungs- und Schulungsaufwand; Programmbeschreibungen dokumentieren (und archivieren) gleichzeitig Know-how. Die Entwicklung ist bisher allerdings vorwiegend anders verlaufen. Zunächst wurden, bedingt durch Beschränkungen der Hardware, jeweils einzelne Aufgaben implementiert und, im Laufe der Zeit, an immer größere Einsatzbereiche angepasst. Tatsächlich definieren Anwendungsprogramme Fachsprachen für ihren Einsatzbereich.